Lebensweg

Lebensweg

Still und heimlich bin ich diese Woche 35 Jahre alt geworden. Jetzt bin ich fast so lange erwachsen, wie ich Kind sein durfte.
Am Ende meiner Schulzeit gab es immer wieder Fragebögen, in denen der Berufswunsch abgefragt wurde. Ich habe dort immer „Mama“ eingetragen. Mich durch eine Arbeit zu definieren und verwirklichen lag mir immer schon eher fern. Da man für diesen Beruf nun mal nicht in die Lehre gehen kann, und mir insgeheim auch klar war dass ich mit dem Ende meiner Teenagerzeit vielleicht noch nicht ganz so weit war eine Familie zu gründen, musste eine alternative Beschäftigung her. Um mein Muttersein später richtig auskosten zu können, hatte ich mir überlegt, dass es fein wäre viel Geld zu haben um nicht möglichst schnell wieder arbeiten zu müssen. Die Bemühungen meiner Eltern, mich zu einem musikalischen Wesen auszubilden, das die Menschheit auf der Bühne verzaubert, haben leider nicht ausgereicht. An Klavier, Geige, Cello, Chor und Ballett wurde ich nie ein Profi, sodass eine Aufnahmeprüfung an der Hochschule utopisch war. In ihre Fußstapfen konnte ich also schon mal nicht treten.
Aber studieren musste schon sein, das war seit jeher in unserem Hause klar gewesen! („Du willst ja nicht an der Wurscht-Theke beim Tengelmann enden…“)
Da hat sich mein doch noch etwas jugendlich geprägtes, leichtsinniges Ich gedacht, viel Geld kann man zum Beispiel mit Mathematik verdienen. Den Mathe-Leistungskurs hatte ich ja auch irgendwie überstanden, warum also nicht. Niemand der ganz bei Sinnen ist macht sowas, außer die Abinote reicht für keinen anderen infragekommenden Studiengang aus. Bei Mathe lassen sie in der Uni jeden rein, das Aussiebungsverfahren kommt mit den ersten Klausuren ganz automaisch. (Zumindest war das vor ca. 15 Jahren noch so) Obwohl ich keine einzige Klausur bestanden habe, habe ich mich hartnäckig am Sieb festgehalten und wollte einfach nicht runterfallen. Als mir dann nach vier Semesten die Unterstützung durch das BAföG gestrichen wurde – ein Vordiplom hätten die ganz gerne im Gegenzug bei mir gesehen – habe ich endlich losgelassen und damit auch den Gedanken, dass es unbedingt ein Studium sein muss. (Ich habe oft den Spruch gehört, „Hey du hast vier Semester Mathe sudiert (oder noch besser, du hast Mathe studiert), also kannst du alles was mit Zahlen zu tun hat!“ In Wahrheit habe ich vier Semester lang das erste Semester studiert und nicht bestanden.)
Indem ich mir die Freiheit gegeben habe im Notfall auch an der Wurscht-Theke zu landen, was für eine Vegetarierin wie mich ja schon ein großes Zugeständnis wäre, konnte ich auch einer Ausbildung die Chance geben. Auf meine Wurzeln besonnen, habe ich nun bei Schott Music, einem Verlag für Musiknoten in Mainz, die Ausbildung zur Medienkauffrau begonnen. Insgesamt habe ich in dem Haus 9 Jahre gearbeitet. Hier haben sich auch Dominiks und meine Wege das erste Mal gekreuzt, da er zeitgleich eine Ausbildung in der Logistik angefangen hat. Da sich das große Lager mit haufenweise Musik in Papierform an einem anderen Standort befindet, haben wir uns aber wieder aus den Augen verloren. Außerdem schwebt man im altehrwürdigen Verlagsgebäude in der Mainzer Altstadt gerne ein bisschen über den Wolken, während man in der Logistik am Boden der Tatsachen bleibt. Gegen Ende meiner Karriere wurde ich dann auf jenen Boden versetzt, denn mit der Einführung von SAP wurden meine mathematisch-analytischen Fähigkeiten dort gebraucht. Obwohl das Arbeiten ansich nie mein Lebensziel war, hatte ich doch einen ganz guten Ruf dort.
Es trug sich dann also zu, dass Dominik und ich uns wieder über den Weg liefen. Lange hat es nicht gedauert und wir hatten herausgefunden, dass unsere Vorstellungen von Familienplanung in die gleiche Richtung gehen. Kurz vor 30 wusste ich, jetzt ist die richtige Zeit! Eine unserer vielen Gemeinsamkeiten ist, dass wir beide gut sparen können und nicht so gerne shoppen gehen. Das ist jetzt natürlich auch die Grundlage dafür, dass wir hier jeder eine Elternzeit von 3 Jahren nehmen können und trotzdem nicht am Hungertuch nagen.

Apropos, uns geht es hier auf Teneriffa sehr gut. Es gibt kaum etwas, das negativ auffällt. In Italien hatte ich mich zu Beginn der Reise noch an vielem gestört, vielleicht bin ich aber mittlerweile auch in der Realität angekommen. Perfekt ist es wahrscheinlich nirgendwo, da kann man sich in der hergerichtetsten Gegend befinden. Die Frau an der Supermarktkasse ist vielleicht trotzdem nicht nett, schließlich ist sie ja nicht im Urlaub.

Wir haben einen zweiten Spielplatz gefunden, sehr zu Lunas Freude, und verbringen dort täglich Zeit. Über die Mittagsstunden ist es in der Sonne kaum auszuhalten, entsprechend findet man auch keine anderen Menschen auf dem Platz. Gegen 17 Uhr wird es dann schlagartig voll, die Kinder müssen allerseits gelüftet werden. Ich persönlich habe nichts gegen die Sonne wenn das bedeutet, dass ich nicht die ganze Zeit mit der Maske da rumsitzen muss, zumak es auch ein paar Schattenplätzchen gibt. Gegen Abend kommt dann wieder der Gruppenzwang ins Spiel, schließlich herrscht hier überall die Pflicht. Leider sinkt dadurch auch die Motivation mit anderen Eltern ins Gespräch zu kommen, mein Spanisch ist noch eher ein frommer Wunsch als dass es brauchbar wäre und durch die Mundbedeckung verstehe ich überhaupt gar nichts mehr.

Stella erkundet nun krabbelnd die Welt und entfernt sich auch schon mutig von uns wenn sie etwas interessantes entdeckt. Ihre größte Gefahr ist momentan Luna, wenn der momentanen Alleinherrscherin nicht gefällt was die kleine macht, oder es eine bestimmte Vorstellung davon gibt, was ihre Untertanin zu tun hat. Stella darf nichts anfassen, oder genau dort nicht sein wo sie ist, sie muss jetzt rutschen, schaukeln, und so weiter und so fort. Momentan ist Stella in allem noch nicht so stabil, im Sitzen kann sie leicht umgeschubst werden und im Stehen reicht schon ein kleiner Windhauch. Ich warte nur darauf, dass sie Luna einholt und es ihr alles heimzahlt. Es sind nur noch ca. 2,5 kg die zwischen den beiden liegen, ich fürchte das Machtverhältnis kann sich irgendwann drehen…
In der Zwischenzeit besteht unsere Aufgabe darin zu beschützen, verhindern, ablenken, zu trösten und ganz viel Liebe zu verschenken. Meine Berufswahl bereue ich jedenfalls nicht.

Ach ja, wir haben es schon gut 🙂

Ich denke zu euch hin und schicke sonnige Grüße!
Alles Liebe,
Eure Mirjam

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